Sitzcreme: Alles für den Arsch?

Sitzcreme: Alles für den Arsch?

Ein kurzer Blick nach links und rechts ... Schauen, ob jemand in der Nähe ist ... Alles bereit ... Drogen? Seitensprung? Diebstahl? Nein, Sitzcreme! Warum reden wir mit überbordendem Enthusiasmus über Schaltwerk-Ritzel, Titan-Sattelstützenschrauben und Steuersatzabdeckkappen, aber auf der anderen Seite nie über Sitzcreme? Tabuthema? Zu unwichtig oder uncool? 169k ist der Platz für Ausgestoßene, Vernachlässigte und Verleugnete - hier also ein paar Gedanken zum Thema Sitzcreme. :)

Woher? Warum? Wie?

Soweit ich das rausfinden konnte, geht der Ursprung und die ursprüngliche Intention von Sitzcremes auf Lederpolster zurück, die früher die Einlagen von Radhosen gebildet haben. Dabei war es notwendig, das Leder laufend zu pflegen, um es geschmeidig und weich zu halten und damit auch entsprechenden Komfort zu bieten. Lederpolster sind mittlerweile hochtechnischen Materialien gewichen - antibakteriell, pflegeleicht und komfortabel geht es heutzutage in der Hose zu. Daraus allerdings zu schließen, dass die Sitzcreme weggelassen werden kann, ist ein Trugschluss.

Nähte, die reiben können, gibt es nach wie vor. Die Bewegung der Beine beim Radfahren ist eine sich oft wiederholende, da ist Reibung unvermeidlich. Und schließlich geht es auch um unsere anatomische Individualität. Jedenfalls anzumerken ist aber, dass es auch hier - wie so oft - um ein "System" geht. Es ist ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren - Sitzposition, Sattel, Polster, Intensität, whatever ...

Im Winter erschließt sich noch ein zusätzlicher Aspekt. Sowohl auf der Bahn als auch auf der Rolle - zwei klassische Winteraktivitäten - nimmt man auf dem Rad eine recht statische Position ein. Je weniger Positionswechsel man vornimmt, umso höher ist die Reibung und Belastung auf den Sitzknochen und den restlichen Kontaktflächen. Auf der Rolle kommt außerdem noch eine - bei mir zumindest - recht starke Schweißproduktion dazu. Und ein nasse Hose reibt gleich nochmal mehr. Also her mit der Sitzcreme!

Produkte

Wie schaut es auf dem Markt also aus? Grundsätzlich gibt es ein paar mehr oder weniger grundlegende Unterschiede zwischen den verfügbaren Produkten. Nummer 1 sind die "Fettigen" -  diese sind angelehnt an Vaseline und Produkte, die ähnliche Konsistenz und Eigenschaften besitzen. Hier ist der Hauptzweck, die Reibung zu verringern. Nummer 2 sind Cremes, die reparierende und pflegende Elemente besitzen. Diese werden nicht erst eingesetzt, wenn es schon zu spät ist, sondern wirken auch prophylaktisch. Und Pflege ist grundsätzlich nie falsch. Ebenfalls in den Bereich der Pflege fällt die dritte Gruppe der Cremes. Diese sind meistens mit Zusätzen versehen, die beispielsweise eine kühlende Wirkung entfalten - ideal für wärmere Temperaturen.

Auftragen

Hier wird's jetzt etwas komplizierter - weil ja auch keiner darüber redet ... Offenbar gibt es zwei große Strömungen, wenn es darum geht, wie Sitzcreme anzuwenden ist. Die einen schmieren das Zeug auf den Polster der Radhose und ziehen diese dann an, die anderen tragen es lieber direkt auf die Haut auf. Im Dienste der Wissenschaft und dieses Blogposts hab ich natürlich beides ausprobiert.

Schmiert man direkt den Polster ein, kann man natürlich genauer arbeiten. Es geht ja grundsätzlich nicht darum, Tonnen von Creme überall zu verteilen, sondern eher neuralgische Stellen entsprechend zu präparieren - konkret die Nähte und bekannte Druckstellen wie Sitzknochen, Damm, usw. Mir persönlich ist der vor mir liegende Polster allerdings irgendwie zu abstrakt. Bevor ich großartig zu überlegen beginnen muss, wo ich wieviel Creme hinschmieren muss, ziehe ich mir lieber die Hose an und mache das direkt am Körper. Gegen die Polster-Variante spricht für mich auch das Gefühl, sich eine feuchte und kühle Hose anziehen zu müssen - Brrrrr ... 

Meine Variante ist demnach: Hose anziehen, Creme auf die Finger und ab in den Schritt. Wieviel man verwendet (bei mir ist es ein größerer haselnussgroßer Batzen) und wo genau man die Creme hinschmiert, bleibt jedem und jeder selbst überlassen. Das muss man einfach ein paar Mal machen und probieren - Trial and Error.

Inhaltsstoffe

Sitzcremes sind im Wesentlichen Kosmetikartikel - dementsprechend sind Inhaltsstoffe wie etwa aus Erdöl und dergleichen ein Thema, genauso aber Tierversuche usw. Auch für jene, die einen veganen Lebensstil führen, sind manche der enthaltenen Zutaten möglicherweise ein No-Go. 

Besonders für Frauen ist außerdem hochrelevant, ob bei den Inhaltsstoffen reizende Stoffe dabei sind. Irritationen sind das letzte, was man von einer Sitzcreme haben möchte - die sollte doch eigentlich helfen.

Mit persönlich gefallen jene Cremes gut, die gleichzeitig einen gewissen Kühlungseffekt bieten. Sofort nach dem Auftragen spürt man ein angenehm kühles Gefühl im Schritt - ideal für wärmere Tage und für ein generelles "Frischegefühl". Wärmende Cremes sind mir hingegen nicht untergekommen - warum weiß ich nicht genau, vermutlich wären die Inhaltsstoffe eher auf der "reizenden" Seite.

Konsistenz

Während sehr fetthaltige Cremes wie beispielsweise Hirschtalg sehr zäh und schlecht löslich sind, bieten raffinierter (Achtung Wortwitz!) hergestellte Cremes eine Konsistenz, die sowohl das Auftragen als auch das Abwaschen einfacher macht. Abwaschen ist ein wichtiges Thema, vor allem auch wie schnell sich die Creme wieder aus dem Sitzpolster entfernen lässt.

Für mich persönlich macht der Einsatzzweck den Unterschied, wobei das eher eine subjektive Geschichte und nicht unbedingt rational nachvollziehbar ist. Auf längeren Strecken und bei intensiver Beanspruchung mag ich "fettigere" Cremes wie Hirschtalg - diese vermitteln, dass da eine Schicht ist, die Schutz und Pflege bietet. Auf der anderen Seite mag ich für kürzere Einsätze und vor allem an wärmeren Tagen die Kühle und Pflege von Cremes wie jenen von Rapha und Muc-Off - leicht und erfrischend.

Geruch

Eine wichtige Nebensache ist der Geruch der Cremes. Rapha rühmt sich mit einem Duft von Lavendel und Kräutern, "wie sie am Fuße des Mont Ventoux" in der französischen Provence wachsen. Klingt sehr hochtrabend und vielleicht auch etwas esoterisch, riecht aber zweifellos und tatsächlich großartig. Die Muc-Off Creme riecht etwas nach Kokos - positiv formuliert also wie eine Sonnencreme an einem tropischen Badestrand, eher weniger positiv formuliert nach Malibu Orange (Sorry, Trauma!). Den Geruch von Hirschtalg zu beschreiben ist nicht so einfach - wer ihn einmal in der Nase hatte, erkennt ihn immer wieder. 

Der gänzlich subjektive, nicht wissenschaftliche und willkürliche Produkttest!

Grundsätzlich muss jede/r für sich entscheiden, OB sie oder er Sitzcreme verwenden möchte. Auch die Frage WELCHE Creme die geeignete ist, muss man selbst rausfinden. Hier ein kurzer Überblick über fünf Produkte, die in meinem Badezimmer stehen und die ich schon einmal ausprobiert habe - als Inspiration.

(*) Für eine Erhebung und auch Beurteilung der Inhaltsstoffe habe ich "Codecheck" verwendet. Diese Seite listet für einzelne Produkte die verwendeten Inhaltsstoffe und deren mögliche Wirkungen auf.

Das war 2017!

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Ein Tag auf der Bahn

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