Mit dem E-MTB in Osttirol, Teil 2 - Psychosoziales

Mit dem E-MTB in Osttirol, Teil 2 - Psychosoziales

Das Rad, die elektronische Unterstützung und deren technische Umsetzung und den Haufen an spannenden und innovativen Gadgets am BMC Trailfox AMP hab ich letzte Woche hier beschrieben. Ich habe jedoch als grundsätzlicher "E-Skeptiker" schnell gemerkt, dass es abseits der technischen Aspekte noch einen Haufen von "Nebenwirkungen" gibt, die nicht so ohne weiteres erklärbar sind und in einem technischen Review schon gar nichts verloren haben. Hier also nun eine kurze Zusammenfassung einiger dieser Randerscheinungen, die aufgetaucht sind, während ich auf dem E-Bike durch Osttirol geradelt bin.

Scham

Es gibt nichts drumherumzureden, also sag ich es gerade raus: Ich habe mich am Anfang geschämt! Ich hab es schon im ersten Teil angedeutet: In meiner Radfahrer-Denke waren E-Bikes und deren Nutzer - völlig verallgemeinert und undifferenziert - stets als suspekt bis potentiell bösartig konnotiert. Die Ursachenforschung hierfür fällt unterschiedlich aus. Einerseits ist die Berichterstattung in den von mir konsumierten Medien und Kanälen offenbar recht parteiisch. Andererseits habe ich bereits eine Vielzahl von Situationen erlebt, wo sich E-Radler nicht unbedingt als die sympathischsten Zeitgenossen präsentiert haben (Stichwort: wenn mich auf einem schweißtreibenden Anstieg ein E-Biker locker flockig überholt, muss er oder sie nicht noch eines drauflegen, um mich zu "demütigen"...) Soweit zu den Vorurteilen - schauen wir uns das genauer an!

Wer fährt denn nun mit dem E-Bike?

Zielgruppe sind aus meiner Sicht grundsätzlich all jene, die "möchten" und "wollen", aber aus irgendeinem Grund nicht oder nur eingeschränkt "können". Die Gründe für ein Nicht-Können sind mannigfaltig - Alter, Verletzungen, Einschränkungen. Für all jene ist ein E-Bike eine willkommene Möglichkeit, den Radius zu erweitern oder ihn zumindest beizubehalten. Wenn ich mir vorstelle, dass ich nach einer Verletzung nur mehr einen reduzierten Aktionsradius zur Verfügung hätte, ich würde mich über eine Möglichkeit der Erweiterung sehr freuen. Auch im Fall von "Ausflugsradlern" - klassische Beispiele hierfür sind die Neusiedlersee-Umrundung oder die Befahrung eines der zahlreichen EuroVelo-Radwege - sehe ich absolut den Sinn eines E-Bikes, das erst ein flottes Fortkommen ermöglicht, nicht auf hohem sportlichen Niveau sondern die grundlegende Befähigung, dass Menschen überhaupt erst größere Strecken zurücklegen können.

Ein Idiot ist ein Idiot

Die Kehrseite - und damit für mich den Ursprung der negativen Wahrnehmung von E-Bikern - bilden andere. Jene, die das E-Bike als Attraktion empfinden, die nicht damit umgehen können, nicht entsprechend ausgerüstet sind, nicht wissen, wie man sich richtig verhält. Hier ist aber nicht das Rad schuld, sondern die Person, die darauf sitzt - ein Idiot ist ein Idiot ist ein Idiot. Der Tourismus hat früh - Stichwort Diversifizierung des Angebots - die Notwendigkeit erkannt, den Gästen eine Unzahl an Attraktionen zur Verfügung zu stellen. Das E-Bike und der dazugehörige Ausflug sind daher in einem größeren Kontext und damit in einer Reihe mit Hochseilhängebrücken, Flying Foxes, Klettergärten, Rodelbahnen und dergleichen mehr zu sehen. Da diese Attraktionen dem Gast als "sorgenfrei" verkauft werden, wundert es nicht, wenn plötzlich Touristen mit Sportschuhen oder Flip-Flops auf über 2.000 Meter Höhe in alpinem Gelände oder gar im Schnee stehen, Wege hinaufgefahren sind, die sie sonst nie im Leben rauffahren könnten und die sie angesichts fehlender Fahrtechnik mit einem 25 Kilo-Bike auch nie wieder runterkommen. Es mehren sich in beliebten Touristenorten bereits die Bergrettungseinsätze, deren Ziel die Bergung oder Rettung gestrandeter E-Biker ist.

Ich möchte diese Entwicklung weder gutheißen oder verteidigen, obwohl ich  natürlich das ökonomische Potential und die Relevanz des Tourismus in einem Land wie Österreich sehe. Wie dieser fahrende Zug zum Stillstand gebracht werden kann, dafür hab ich auch keine spontane Lösung. Ein erster wichtiger Schritt ist für mich auf jeden Fall, bei Touristen ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was es bedeutet, sich in alpinem Gelände zu bewegen und wie man sich generell in der Natur verhalten sollte - unabhängig ob zu Fuß, auf Skiern oder auf einem E-Bike.

Bleiben wir aber beim Positiven! Ich sehe absolut kein Problem, das E-Bike dafür zu nützen, in Regionen vorzudringen, in die man sonst nicht kommen würde. Allerdings nur, wenn damit ein bewußter Umgang mit der Natur einhergeht und ein entsprechendes Bewusstsein für potentielle Gefahren vorhanden ist.

Das klingt jetzt alles eher nach einem westösterreichischen Phänomen, das sich auf einige Tourismus-Hotspots beschränkt. Tatsächlich ist es so, dass beispielsweise in Osttirol der Anteil der E-Bikes mindestens genauso hoch ist wie jener der "normalen" MTB. Dementsprechend wird man auf dem E-Bike nicht verwundert angesehen, nicht als "Cheater" empfunden sondern - im Gegenteil - normal und freundlich integriert und gegrüßt.

Um auf meine Scham zurückzukommen, ein kleines Beispiel: Der E-Motor arbeitet verständlicherweise nicht ganz geräuschlos. Kurbelt man also im stillen Wald vor sich hin, gesellt sich zum wunderbaren Knirschen der Stollenreifen auf dem Schotter ein beständiges Surren des Elektromotors. Dieses verändert die Lautstärke je nach Krafteinsatz. Auf längeren Touren kann dieses Geräusch schon mal nerven, stört es doch etwas die Ruhe und Andacht. Auf meiner ersten Tour mit dem E-Bike war es mir zu Beginn schlicht und ergreifend peinlich, den Motor aufzudrehen, weil durch das Geräusch jeder mitbekommen würde, dass ich mit Unterstützung des Motors fahre. Also hab ich im Ort auf den Antrieb verzichtet und auch am Beginn der Forststraße, als mir zwei Wandergruppen entgegengekommen sind, hab ich extra den Motor wieder abgedreht, solange ich in der Nähe war. Gestört? Ein bißchen. Allerdings zeigt mir das ganz gut, wie engstirnig und kleingeistig die Rollen im eigenen Gehirn definiert und festgefahren sind.

Nachdem ich jetzt völlig von meiner eigentlich geplanten Linie für diesen Artikel abgedriftet bin, noch zu einem anderen Aspekt, der mir in Osttirol klar geworden ist.

Desillusionierung

Ich bin auf den Gipfel des Ederplan bei Lienz gefahren, der letzte Kilometer des Anstiegs weist Steigungen von bis zu 30 Prozent auf. Mit dem E-Bike bin ich dort raufgeradelt, mit dem normalen Mountainbike wäre ich vermutlich mehrmals abgestiegen. Problem dabei ist aber, dass mein Gehirn - konditioniert auf positive Impulse - nunmehr abgespeichert hat, dass derartige Anstiege mit dieser Anstrengung und jener Geschwindigkeit zu bewältigen sind. Wenn ich nun regelmäßig mit dem E-MTB unterwegs bin, wirft das für mich die Frage auf, ob ich mit einem normalen Mountainbike jemals wieder die gleiche Freude und das gleiche Erfolgserlebnis empfinden kann - an die Leistung mit dem E-Bike werde ich jedenfalls nie mehr herankommen. Ich befürchte daher, dass man sich in gewisser Art und Weise den Spaß an der Sache ruinieren kann, eine Selbst-Sabotage höchsten Ranges. 

Ob dem wirklich so ist, kann ich nach drei Touren mit dem E-Bike nicht beurteilen. Vielleicht wenn ich das nächste Mal den gleichen Anstieg mit dem konventionellen MTB angehe. Oder ich denke zu kompliziert... Egal, darüber nachzudenken schadet nicht.

Strava

Welche zeitlichen Differenzen sich auftun, zeigt Strava recht deutlich. Ich habe bei meinen Ausfahrten mit dem E-Bike zahlreiche KOMs geknackt. Zu unrecht natürlich, sind sie doch mit elektronischer Unterstützung zustande gekommen. Strava hält hierfür eine Möglichkeit bereit: Werden Fahrten als Aktivität "E-Radfahrt" kategorisiert, werden sämtliche Zeiten, Segmente und Rekorde nicht in den regulären Listen geführt, außerdem zählen so gewonnene Höhenmeter und Kilometer nicht für die monatlichen Herausforderungen. Dafür ist es aber notwendig, manuell die Kategorie auf "E-Radfahrt" zu ändern. Dass viele Leute ebendies nicht machen, vergessen oder "vergessen", zeigt ein Blick in so manche Bestenliste im Westen Österreichs. Der Stoiker in mir hat ja gelernt, sich über solche Dinge nicht (mehr) aufzuregen, insofern stört mich dieser Umstand weniger. Andere - denen Strava-Ranglisten unter Umständen mehr bedeuten - können natürlich entsprechende Aktivitäten auch "flaggen" bzw. melden.

Plädoyer

Wie oben schon erwähnt, dieser Artikel hat (leider oder Gottseidank) einige chaotische Haken geschlagen. Ich lese ihn besser nicht mehr durch, sonst fallen mir noch andere Dinge ein und ich verzettle mich aufs Neue.

Bei allen Erklärungsversuchen habe ich auf viele Fragen trotzdem keine Antworten und werde diese glaube ich auch nicht so schnell finden. Ich werde das nächste Mal vielleicht versuchen, dem jungen Herrn am Touringfahrrad und in Freizeitklamotten nachzufahren, wenn er mich hinauf nach Hochstrass überholt und mir dabei den Finger zeigt, um ihn zu seinen Motiven zu befragen und so einen Einblick in seine Seelenwelt zu erlangen. In den meisten Fällen wird es mit aber einfach egal sein! Ich fahre für mich Rad, ich möchte eine schöne Zeit verbringen, das lass ich mir nicht versauen. 

Aus meiner Woche in Osttirol nehme ich viel Neues mit. Ich plädiere für mehr Toleranz und gegenseitiges Verständnis (ganz grundsätzlich und im Speziellen) und ich gehe damit auch gerne in Vorlage (Glashaus und so...). Ich kann und möchte niemanden bekehren, wer sich unbedingt wie ein A.... verhalten möchte, wird dies vermutlich auch weiterhin tun. Wer allerdings mit Menschen redet, sich austauscht und vielleicht selbst mal - zu Testzwecken - auf ein E-Bike wechselt, wird einen Einblick in die Welt des "Anderen" bekommen, grundsätzlich kein schlechter Weg zu mehr Verständnis. 

Foto: René Haselbacher

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